Kritische Gesamtausgabe der musikalischen Werke Arnold Schönbergs
Arnold Schönberg Gesamtausgabe Forschungsstelle
Jägerstraße 22/23
D-10117 Berlin
Tel. +49 30 2037033
schoenberg{at}bbaw.de
www.schoenberg-gesamtausgabe.de
Die Editionsarbeiten werden gefördert durch die Union der deutschen Akademien der Wissenschaften, vertreten durch die Akademie der Wissenschaften und der Literatur, Mainz, aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung und Forschung, Bonn, und der Senatsverwaltung für Wissenschaft und Forschung, Berlin, sowie durch die Österreichische Akademie der Wissenschaften, Wien.
Kritische Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs
herausgegeben von der Internationalen Schönberg Gesellschaft
in Kooperation mit dem Arnold Schönberg Center, Wien
Editionsleitung
em. o. Univ.-Prof. MMag. Dr. Hartmut Krones (krones{at}mdw.ac.at)
Wissenschaftliche Mitarbeit
Meike Wilfing-Albrecht BA BA MA
Anschrift
Internationale Schönberg-Gesellschaft
Castellezgasse 25/3/14
A-1020 Wien
Tel. +43 676 6859471
Im Herbst 2011 konnten die umfangreichen Vorarbeiten, die vor allem die Erfassung, Sichtung, Bewertung und Neu-Übertragung sämtlicher Quellen betrafen, großteils abgeschlossen werden. Mitarbeiter der Ausgabe haben damals ein vollständiges Verzeichnis der Schriften Schönbergs vorgelegt:
Julia Bungardt / Nikolaus Urbanek, Topographie des Gedankens. Ein systematisches Verzeichnis der Schriften Arnold Schönbergs (unter Mitarbeit von Eike Feß, Hartmut Krones, Therese Muxeneder und Manuel Strauß), in: Hartmut Krones (Hrsg.), Arnold Schönberg in seinen Schriften. Verzeichnis – Fragen – Editorisches, Böhlau: Wien 2011 (= Schriften des Wissenschaftszentrums Arnold Schönberg 3) , S. 331-614.
Dieser Band enthält auch die Ergebnisse eines 2005 veranstalteten Symposions, dessen Beiträge sich sowohl grundsätzlich mit den Schriften Schönbergs befaßten als auch unter dem besonderen Blickwinkel ihrer editorischen Bewältigung.
Um über den Stand unserer Arbeit zu informieren und dem breiten Interesse von Wissenschaft und Öffentlichkeit entgegenzukommen (insbesondere, um Hilfestellung bei der Entzifferung von Schönbergs Handschrift zu bieten), stellen wir die im Rahmen der Vorarbeiten zu unserer Ausgabe angefertigten Roh-Transkriptionen über eine Datenbank zur Verfügung; sie können von diesem Portal aus eingesehen werden.
Es sei darauf hingewiesen, daß die Übertragungen Eigentum der Kritischen Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs sind und in größerem Umfang nur mit unserer Zustimmung und nach vorheriger Rücksprache verwendet werden dürfen.
Eine unmißverständliche Zuordnung der zahlreichen bisher unveröffentlichten Schriften ist durch die Verwendung der Verzeichnisnummern (Topographie des Gedankens, s. o.) gewährleistet, in Publikationen sollte der Nachweis folgendermaßen lauten:
mit freundlicher Genehmigung zitiert nach Transkriptionen, die im Zuge der Vorarbeiten an der Kritischen Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs (hrsg. von Hartmut Krones, Therese Muxeneder und Gerold W. Gruber unter Mitarbeit von Julia Bungardt, Eike Rathgeber und Nikolaus Urbanek) angefertigt wurden.
Die Kritische Gesamtausgabe der Schriften Arnold Schönbergs wurde bzw. wird gefördert durch:
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Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (FWF), Wien (2003–2009)
Ernst von Siemens Musikstiftung (2009–2011, 2014–2016, 2019/20–2021/22)
Jubiläumsfonds der Österreichischen Nationalbank
Zukunftsfonds der Republik Österreich
Avenir Foundation, Wheat Ridge/Colorado
Arnold Schönberg Center, Wien
Universität für Musik und darstellende Kunst Wien
Wissenschafts- und Forschungsförderung der Stadt Wien
Internationale Schönberg-Gesellschaft
Stand der Edition (Januar 2020)
Arnold Schönberg: Der musikalische Gedanke | Sämtliche Schriften. Kritische Gesamtausgabe. Abteilung II. Lehrwerke. Band 6. Fragment gebliebene Lehrwerke I. Hrsg. von Hartmut Krones. Wien: Universal Edition 2018. 455 S.
Arnold Schönberg: (Gehaltene) Vorträge I (1911–1933) | Sämtliche Schriften. Kritische Gesamtausgabe. Abteilung III. Aufsätze und Vorträge. Band 3. Erscheint 2020. Hrsg. von Eike Feß und Hartmut Krones unter Mitarbeit von Meike Wilfing-Albrecht
Reihe: Briefwechsel der Wiener Schule
Edition
Die vom Staatlichen Institut für Musikforschung, Preußischer Kulturbesitz, Berlin, unter Leitung von Thomas Ertelt veranstaltete Edition der Briefwechsel der Wiener Schule soll einen der bedeutendsten Quellenkomplexe zur Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts zugänglich machen. Neben der Erschließung und philologischen Aufarbeitung wird besonderes Gewicht auf eine sorgfältige und eingehende Kommentierung gelegt.
Bände
1995 konnte der erste Band im Verlag der Wissenschaftlichen Buchgesellschaft Darmstadt vorgelegt werden: der Briefwechsel zwischen Alexander Zemlinsky und Schönberg (mit den kleineren Korrespondenzen Zemlinskys mit Franz Schreker, Webern und Berg), herausgegeben von Horst Weber, Essen. 2007 erschien bei Schott Music als Band 3 der Briefwechsel zwischen Arnold Schönberg und Alban Berg, herausgegeben von Juliane Brand, Christopher Hailey und Andreas Meyer.
I. Allegro
II. Intermezzo: Allegro ma non troppo
III. Andante con moto
IV. Rondo alla zingarese
AUFFÜHRUNGSDAUER: ca. 40 Min.
VERLAG:
G. Schirmer (Music Sales Classical)
Belmont Music Publishers (USA, Canada, Mexico)
„Ich maße mir das Verdienst an, eine wahrhaft neue Musik geschrieben zu haben, welche, wie sie auf der Tradition beruht, zur Tradition zu werden bestimmt ist.“ Arnold Schönbergs 1931 im Essay „Nationale Musik“ reflektierter Traditionsbezug basiert auf geschichtlicher Notwendigkeit, welche sich nicht in technisch-mechanischer Materialbewältigung manifestiert, sondern durch deren künstlerische Grenzüberschreitung als existenzielle Dimension legitimiert wird. Tradition und Neuheit in der Kunst stehen zueinander in dialektischer Spannung, wie Thomas Mann durch seine von Schönbergs „Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen“ inspirierte Künstlergestalt Adrian Leverkühn im Roman „Doktor Faustus“ subsummiert: „Denn so wenig man das Neue und Junge verstehen kann, ohne in der Tradition zu Hause zu sein, so unecht und steril muß die Liebe zum Alten bleiben, wenn man sich dem Neuen verschließt, das mit geschichtlicher Notwendigkeit daraus hervorgegangen.“ (Traditionsbezug ist nicht Ausdruck künstlerischer Simplifizierung eines überlieferten ästhetischen Konzepts, sondern dessen notwendige Fortgestaltung und -denkung: „Ich lege nicht so sehr Gewicht darauf, ein musikalischer Bauernschreck zu sein, als vielmehr ein natürlicher Fortsetzer richtig verstandener, guter, alter Tradition.“ (Schönberg an Werner Reinhart, 9. Juli 1923) In „Bemerkungen zu den vier Streichquartetten“ bekannte Schönberg 1949, sein musikalisches Wissen ginge auf die von akademischem Zwang unberührten autodidaktischen Studien der Werke seiner Vorbilder Bach und Mozart („in erster Linie“) sowie Beethoven, Brahms und Wagner („in zweiter“) zurück.
Arnold Schönberg schulte sein satztechnisches und formales Verständnis ebenso wie jenes der Instrumentierung von Jugend an durch Bearbeitung von Werken anderer Komponisten. Für den jungen Musiker waren die Arrangements von Operetten (etwa von Robert Fischhof, Richard Heuberger, Leo Fall, Edmund Eysler und Franz Lehár) und das Auschreiben von Klavierauszügen, die ihm das berufliche Überleben sicherten. Durch Vermittlung seines Schwagers Alexander Zemlinsky (bis 1906 künstlerischer Leiter des Wiener Carltheaters) erhielt Schönberg eine Reihe von Aufträgen für Instrumentationen, zudem entstanden für Verlage Arrangements für Klavier zu zwei oder vier Händen (darunter die vierhändigen Klavierauszüge aus Rossinis Oper „Der Barbier von Sevilla“, Lortzings „Waffenschmid“ sowie Schuberts „Rosamunde“ für die Universal Edition). Waren es in späterer Zeit vor allem die Arrangements von großbesetzten Werken für kleineres Ensemble, die im Umkreis des Vereins für musikalische Privataufführungen entstanden, so schuf Schönberg in den 1920er und 1930er Jahren – auch im Hinblick auf Tantiemeneinnahmen durch Konzerte mit namhaften Dirigenten und Solisten – ohne direkten Auftrag oder Anlaß eine Reihe von Bearbeitungen der Werke von Johann Sebastian Bach, Georg Friedrich Händel, Matthias Georg Monn und Johannes Brahms, die über die im Sinne einer instrumentalen Neuordnung zu verstehenden Arrangements in Richtung stark individuell gefärbter Anteile weit hinausgehen.
Der musikalische Autodidakt Arnold Schönberg war in seiner Jugend „ausschließlich Brahmsianer“ ehe er durch seinen Mentor und Freund Alexander Zemlinsky Wagner gleichermaßen zu verehren begann: „Deshalb zeigen auch Kompositionen aus dieser Zeit, wie zum Beispiel ‚Verklärte Nacht‘, einerseits Wagnerische Technik [...] andererseits Gebilde, die nach dem Muster von Brahms‘ ‚Technik der entwickelnden Variation‘ – wie ich es genannt habe – geformt waren.“ (Schönberg, „Rückblick“, 1949) Die Beziehung des „konservativen Revolutionärs“ Schönberg (nach Hanns Eislers berühmtem Diktum über seinen Lehrer) zu „Brahms, dem Fortschrittlichen“ (der Titel eines Schönberg-Vortrags aus dem Jahr 1933) ist jedoch nicht auf kompositionstechnische Aspekte beschränkt. Gemeinsam war beiden neben der Neigung zur Polemik auch jene zur Chiffrierung autobiographischer Momente durch Musik, in deren Symbolsprache der persönliche Ausdruck ein unmittelbares Ventil fand.
Auf Anregung des Dirigenten Otto Klemperer entstand zwischen 2. Mai und 19. September 1937 in Los Angeles Schönbergs „postumer“ Beitrag zur Symphonik von Johannes Brahms, den er gelegentlich scherzhaft und dennoch mit Stolz als „Fünfte Symphonie“ seines großen Vorbilds bezeichnete: die Bearbeitung von dessen Klavierquartett in g-Moll op. 25. In der von Peter Heyworth herausgegebenen Anthologie Gespräche mit Klemperer (1974) ist eine aussagekräftige Bemerkung des Dirigenten der Uraufführung überliefert: „Man mag das Originalquartett gar nicht mehr hören, so schön klingt die Bearbeitung.“ Was für eingefleischte Brahmsianer als pure Blasphemie und Negierung aller Grenzen eines Arrangeurs klingen mag, hat Schönberg in einem Akt selbstbewußter Neugestaltung für großes Orchester geschaffen, obwohl er selbst bescheiden – und auch als Understatement – formulierte: „Ich hatte nur diesen Klang auf das Orchester zu übertragen, und nichts anderes habe ich getan.“ (Brief an den Kritiker Alfred Frankenstein vom 18. März 1939) Über den Anreiz zur Beschäftigung mit dem Werk erfahren wir weiters: „1. Ich mag das Stück. 2. Es wird selten gespielt. 3. Es wird immer sehr schlecht gespielt, weil der Pianist, je besser er ist, desto lauter spielt, und man nichts von den Streichern hört. Ich wollte einmal alles hören, und das habe ich erreicht.“
Schönbergs kompromißlose Freiheiten bei der Lesung der Vorlage sind erheblich – und dennoch bleibt die Originalpartitur, was ihren kompositorischen Text anbelangt, geradezu dogmatisch unangetastet. Neu ist die Interpretation der musikalischen Tiefenperspektive, welche die „kammermusikalische Diskretion schroff verletzt“ (Peter Gülke), der von Brahms für vier Spieler vorgesehenen Diskurs wird nun auf ein großes Orchester mit Schlagwerk transponiert. „Meine Absichten: Streng im Stil von Brahms zu bleiben und nicht weiter zu gehen, als er selbst gegangen wäre, wenn er heute noch lebte.“
© Therese Muxeneder
Arnold Schönberg Center
| Schönberg-Haus Bernhardgasse 6 A-2340 Mödling |
Tel. +43 1 7121888 office{at}schoenberg{dot}at |
Öffnungszeiten Donnerstag 10-15 Uhr Feiertags geschlossen |
Arnold Schönbergs Mödlinger Wohnsitz (1918–1925) wird aufgrund der dort entwickelten Kompositionsmethode oftmals als »Geburtsstätte der 12-Ton-Musik« bezeichnet. Eine Dauerausstellung mit Bildern, Schautafeln, Video- und Hörstationen sowie Originalmobiliar und -instrumenten gibt Einblick in Schönbergs Leben und Werk, in seine Mödlinger Zeit und in die Geschichte des Schönberg-Hauses.
Eintritt frei
Gruppenführungstermine und weitere Öffnungszeiten: +43 1 712188831

Foto: Lalo Jodlbauer
1896 - 1898
Arnold Schönbergs erste belegbare Beziehungen zur Stadt Mödling gehen auf 1896 zurück, als er nach Aufgabe seines Postens als Bankangestellter die Leitung des 1893 gegründeten Mödlinger Arbeitergesangsvereines »Freisinn« übernahm. Nach Erinnerungen seines Sohnes Georg legte er zu dieser Zeit immer einen Teil der Strecke Wien – Mödling zu Fuß zurück, da sein Honorar nicht mehr für die zweite Fahrt reichte.
Die aufgrund politischen Inhalts zuweilen von behördlicher Auflösung bedrohten Liedertafel-Abende in Mödling (manche Kompositionen mussten nach Interventionen der k.k. Staatsanwaltschaft neu textiert werden), waren bei kolportierten 350 bis 1000 Besuchern äußerst erfolgreich. Die Programme umfassten neben Chören von Johannes Brahms, Strauß-Bearbeitungen und deutschen Volksliedern hauptsächlich Heimat-, Soldaten- und Freiheitshymnen. »Zum Schluß folgte ein Tanz-Kränzchen und wurde demselben bis morgens gehuldigt.« (Mödlinger Bezirks-Bote, 8. Januar 1899)
Aufführungsorte waren das Hotel Eisenbahn sowie das Hotel Bieglerhütte, wo der letzte Vereinsabend unter Schönbergs Mitwirkung am Silvesterabend 1898 »zur Zufriedenheit zu Gehör gebracht« wurde. Egon Wellesz, Schüler und erster Biograph Schönbergs, berichtete 1921 von einer Episode nach einem jener Chorabende, welche die Komposition eines Teils aus den »Gurre-Liedern« mit Mödling in Zusammenhang bringt: »Mit dem Mödlinger Gesangsvereine hatte er nach einer durchzechten Frühlingsnacht einen Ausflug auf den nahe dieses Ortes gelegenen Berg, den Anninger gemacht. Die Wanderung durch den im Frühnebel liegenden Wald und der Sonnenaufgang gaben ihm die Inspiration zum Melodram ›Des Sommerwindes wilde Jagd‹ im dritten Teil und zum Schlußchor ›Seht die Sonne!‹«
Zwischen Juli und August bezog Schönberg bei den Eltern seines Jugendfreundes in der Brühlerstraße 104 Quartier. Dort arbeitete er im Auftrag des Verlags Josef Weinberger parallel zu seinem Schwager Alexander Zemlinsky an Instrumentierung und Klavierauszug der Oper »Bergkönig« von Robert Fischhof, die im Jahr darauf unter dem Titel »Ingeborg« erschien, sowie an eigenen Kompositionen, dem Ersten Streichquartett d-Moll op. 7 und den Sechs Orchesterliedern op. 8: »Ich habe ein neues Lied für Orchester (das 4te) angefangen. Ich glaube, das wird sehr gut werden! (...) Mein Quartett ruht. Vielleicht komme ich aber doch noch dazu. Leider muß ich Fischhof klaviermäßig verschlucken, und orchestermäßig herausbrechen, wiedergeben! Ich habe kürzlich gesagt, wenn mir einmal Gedenktafeln an Landorten gesetzt werden müßten: ›hier componierte er...‹, so könnte es leider immer nur heißen: ›hier instrumentierte er‹ (...)« (Brief an Oscar C. Posa vom 13. Juli 1904)
1918
Auf Vermittlung von Baronin Pascotini (»Tante« Olga), die als Waise in Schönbergs Elternhaus aufgenommen wurde und in Mödling in der Schillerstraße 22 wohnte, konnte Schönberg mit seiner Familie zu Kriegsende im Frühjahr 1918 eine Wohnung in der Bernhardgasse 6 zum monatlichen Mietzins von 200 Kronen beziehen. Das Mobiliar wurde bereits im Januar spediert und am 1. April berichtete Arnold Schönberg seinem Schwager Zemlinsky: »Wir sind in Mödling, aber ohne Mädel! Ohn=Mädling!«
»Schönberg hat wieder eine herrliche Idee: (...) einen Verein zu gründen, der es sich zur Aufgabe macht, Musikwerke aus der Zeit ›Mahler bis jetzt‹ seinen Mitgliedern allwöchentlich vorzuführen.« (Alban Berg in einem Brief an seine Frau Helene vom 1. Juli 1918)
In Mödling wurde die Idee zum »Verein für musikalische Privataufführungen« geboren, dessen Gründung im folgenden November stattfand. In der ersten konstituierenden Generalversammlung des Vereins im Dezember wurde unter der Präsidentschaft Arnold Schönbergs ein Vorstand von 19 Mitgliedern seines Wiener Schüler- und Freundeskreises bestätigt. Der Verein setzte nicht nur als Pflegestätte von Novitäten sondern auch durch seine unkonventionelle Struktur neue Maßstäbe: Geheimhaltung des genaueren Programms (um einen »gleichmäßigen Besuch zu sichern«), Wiederholung von Werken, nichtöffentlicher Charakter der Vereinskonzerte, Verbot von Beifalls- oder Missfallensbekundungen, um »Künstlern und Kunstfreunden eine wirkliche und genaue Kenntnis moderner Musik zu verschaffen«. Für Proben und Vereins-Konzerte, welche im Konzerthaus, Musikverein, Festsaal des Kaufmännischen Vereins sowie im Klub österreichischer Eisenbahnbeamter, den Schwarzwald’schen Schulanstalten und dem Festsaal des Ingenieur- und Architektenvereins stattfanden, brachte man des öfteren Schönbergs Mödlinger Harmonium nach Wien.
1919
Nach der Übersiedlung gab Schönberg neben seiner Tätigkeit an den Schwarzwald’schen Schulanstalten (bis 1920) auch Privatstunden in der Bernhardgasse: über 100 Schüler nahmen in jener Zeit Kompositionsunterricht, darunter Max Deutsch, Hanns Eisler, Hanns Jelinek, Fritz H. Klein, Rudolf Kolisch, Paul Amadeus Pisk, Josef Polnauer, Karl Rankl, Erwin Ratz, Josef Rufer, Rudolf Serkin und Viktor Ullmann. »Mit Webern, der ja ebenfalls 1918 nach Mödling gezogen war, unternahm er an Sonntagen oft ausgedehnte Spaziergänge auf den Anninger. Auch Berg und seine Frau kamen öfters zu Besuch, ebenso viele andere Freunde und Schüler. Die Wohnung lag im Hochparterre und bestand aus mehreren Räumen. Ein Badezimmer, ein Vorzimmer und eine verglaste Veranda hat sich der Vater erst nach und nach selbst eingerichtet. Er hatte ein eigenes Arbeitszimmer, in dem ein Klavier, ein Harmonium, Geigen, Viola und Violoncello standen, seine ganze Bibliothek, ein Schreibtisch; gearbeitet hat er an einem Stehpult.« (Georg Schönberg, 1971)
Die Schüler reisten mit der Elektrischen, der Dampftramway, aber auch zu Fuß an, da nach dem Krieg die öffentlichen Verkehrsmittel in der Umgebung Wiens nur unregelmäßig verkehrten. Max Deutsch berichtete 1970 im Rahmen einer Fernsehdokumentation: »Wir marschierten dann die 15 Kilometer zu Fuß, an einem Tag hin und zurück, um bei Schönberg Unterricht zu nehmen. Der Unterricht war kollektiv, er fand mindestens zweimal in der Woche statt. Schönberg saß am Klavier, wir standen im Halbkreis hinter ihm und legten ihm unsere Arbeiten vor, die er korrigierte und besprach.«
1920
Schönberg verließ seinen Wohnsitz in den kommenden Jahren für zahlreiche Konzertreisen in das Ausland sowie für Aufenthalte in Traunkirchen. Die Unterrichtsbedingungen der Kurse für Komposition in der Mindestlehrzeit von sechs Monaten sahen vor, daß Schüler »nur Anspruch auf durchschnittlich sieben Stunden im Monat« hatten, weil er »von Zeit zu Zeit durch Reisen oder Proben am Unterricht verhindert« war.
Beginnt im März mit einer Passacaglia für Orchester (Fragment) und bearbeitet für den »Verein für musikalische Privataufführungen« die Fünf Orchesterstücke op. 16 für Kammerorchester. Komponiert im Juli die ersten beiden Klavierstücke op. 23, skizziert Nr. 4. Kompositionsbeginn der Serenade op. 24 im August.
1921
Vollendet am 6. Oktober den Marsch aus der Serenade op. 24. »Weihnachtsmusik« für Kammerensemble.
1922
Neben dem Kreis seiner Schüler empfing Schönberg in Mödling auch Besuch aus dem Ausland, etwa Francis Poulenc und Darius Milhaud: »Er lud uns zu sich nach Mödling in der Nähe von Wien ein. Dort verlebten wir einen wunderschönen Nachmittag. (...) Schönberg sprach ausführlich von seiner Arbeit, besonders von seinen Opern ›Glückliche Hand‹ und ›Erwartung‹, deren Partituren ich mir gerade gekauft hatte. (...) Die Wände seiner Wohnung waren voll von Bildern, die er selbst gemalt hatte: Gesichter und Augen, überall Augen!“ (Bericht Milhauds über den Besuch im Juni 1922)
Anfang eines Violinkonzerts (Fragment). Skizzen zu zwei Stücken für Kammerensemble (März und Mai) bleiben ebenso fragmentarisch. Orchesterbearbeitungen von Bachs Choralvorspiel »Komm, Gott, Schöpfer, heiliger Geist«. Beginnt im November mit »Gerpa«, Thema und Variationen für Horn, Klavier, zwei Violinen und Harmonium (bricht nach der vierten Variation ab), welche Schönberg für sich und seinen Sohn Georg konzipiert, der Horn studiert. »Lied der Waldtaube« aus den »Gurre-Liedern«, Bearbeitung für Kammerorchester und Gesang (Abschluss der Niederschrift am 14. Dezember in Mödling).
1923
Historische Bedeutung erlangte Arnold Schönbergs Mödlinger Kompositions-Werkstatt durch die Entwicklung der »Methode der Komposition mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen«, welche zunächst im Walzer aus den Fünf Stücken für Klavier op. 23, der Serenade op. 24, der Klaviersuite op. 25 und dem Bläserquintett op. 26 musikalisch ausformuliert wurde: »Als Arnold Schönberg an einem Februar-Morgen des Jahres 1923 einige nähere Freunde und Schüler in seinem Mödlinger Heim um sich versammelte, um ihnen die Grundzüge seiner Methode vorzutragen und sie an einigen Beispielen aus seinen jüngsten Kompositionen zu erläutern, da begann ein neues Kapitel in der Geschichte der Musik.« Josef Polnauer, 1959)
Nach dem Tod seiner Frau Mathilde am 18. Oktober 1923 plante Schönberg den Umzug nach Wien, da die Wohnung in der Bernhardgasse »nicht nur immer zu klein, sondern auch zu entlegen« war: Er teilte sie mit Sohn Georg, Tochter Trudi, Schwiegersohn Felix Greissle und deren im September in Schönbergs Wohnung geborenem Sohn Arnold. In einem Gesuch um Wohnungstausch an den amtsführenden Wiener Stadtrat Anton Weber vom 28. Dezember 1923 legte er die Gründe für einen notwendigen Ortswechsel dar: »Meine Wohnung wurde mir zu eng; a) mir fehlte ein Empfangsraum; b) mir fehlte ein Schlafraum; c) mein Arbeitszimmer (dieses muss mir als Schlafraum dienen!) hat nicht mehr Platz, die zu meiner Tätigkeit nötigen Bücher, Noten und Instrumente zu fassen und ist gänzlich ungeeignet, um darin Proben abzuhalten. (...) Wir haben zusammen 7 Räume; was die gesetzliche Beschränkung nicht überschreitet, da wir 5 Menschen sind, von denen drei ihren Beruf in der Wohnung ausüben.« Stadtrat Weber sowie der Bürgermeister (»der gegenwärtige Oberbimpf von Wien«, Schönberg an Zemlinsky) lehnten das Gesuch ab. Man teilte dem Komponisten mit, er solle es auf dem Privatweg versuchen, da es »gewiss Partein geben (wird), die von Wien gerne nach Mödling ziehen würden, wenn sie doch nur eine entsprechende Wohnung wüssten«.
1924
Im Januar dirigierte Schönberg auf Bitten der Mödlinger Stadtverwaltung eine Benefizveranstaltung zugunsten notleidender Deutscher. Diese musste aufgrund des enormen Erfolges wiederholt werden. Auf dem Programm standen Teile aus den »Gurre-Liedern«, die orchestrierte Fassung der »Verklärten Nacht« von 1917 sowie Beethovens Violinkonzert mit dem Solisten Rudolf Kolisch: »Arnold Schönberg, die Seele des Abends und der Menschen, die ihm musikergeben in sein Gottesgnadentum folgten, hat aber auch bewiesen, daß er Dehmels tiefster Dichtung bis ins Herz zu folgen verstand.« (Rezension in den Mödlinger Nachrichten vom 26. Januar 1924) Am 28. August heiratete Schönberg Gertrud Kolisch, die Schwester seines Schülers Rudolf Kolisch, in der Evangelischen Pfarrkirche zu Mödling. Anlässlich seines 50. Geburtstages am 13. September 1924 erschien in der lokalen Presse eine Huldigung, welche die »ungeheure Umwälzung auf dem Gebiete der gesamten Musik« würdigte: »Möge auch Mödling wissen, wen es bereits durch Jahre beherbergt.«
Setzt die zwischen April und Juli des Vorjahres begonnene Arbeit am Bläserquintett op. 26 fort, welche durch Krankheit und Tod seiner Frau Mathilde unterbrochen wurde. Vollendet den vierten Satz aus op. 26 am 26. August (Widmung an seinen Enkelsohn »Bubi« Arnold, geb. 1923 in Schönbergs Mödlinger Wohnung).
1925
Bearbeitung des »Kaiserwalzers« von Johann Strauß für die Tournee des »Pierrot«-Ensembles nach Spanien (datiert mit 1. April). Arbeitet zwischen Juni und August an der Suite op. 29. Beginnt am 30. September als letzte »Mödlinger« Komposition die Vier Stücke für gemischten Chor op. 27.
Im August wird Schönberg als Nachfolger Ferruccio Busonis als Leiter einer Meisterklasse für Komposition an die Preußische Akademie der Künste in Berlin berufen. Anfang Oktober gibt er seine Wohnung in der Bernhardgasse 6 auf und zieht bis zur endgültigen Übersiedlung nach Berlin Ende 1925/Anfang 1926 zu seinem Schwager Rudolf Kolisch nach Wien.
1972
Schönbergs Wohnhaus in Mödling bleibt für Jahrzehnte unbeachtet und ist Anfang der 1970er Jahre vom Abbruch bedroht. Dank einer Initiative von Walter Szmolyan und Elisabeth Lafite kann das Gebäude buchstäblich in letzter Minute unter Denkmalschutz gestellt und von der Internationalen Schönberg Gesellschaft (ISG) aufgekauft werden. Subventionen des Landes Niederösterreich, der Stadt Mödling und der Stadt Wien sowie des Bundesministeriums für Unterricht und Kunst ermöglichen Ankauf und Generalsanierung des Gebäudes, welches in der Folge das Büro der ISG und eine Forschungsstelle beherbergt.
1974
Am 6. Juni 1974 findet in Anwesenheit von Nuria, Ronald und Lawrence Schoenberg die feierliche Eröffnung des Schönberg-Hauses durch den Wissenschaftsminister und späteren Bundeskanzler Fred Sinowatz statt. Maurizio Pollini spielt auf dem Ibach-Flügel des Meisters dessen Klavierstücke op. 19 und op. 23.
Neben der Ausstellung von Schönbergs eigenen Instrumenten aus einer Schenkung der Erben erfüllt der Aufbau einer Forschungsbibliothek mit einem Duplikat des in Los Angeles verfilmten Nachlasses sowohl in musealer als auch wissenschaftlicher Hinsicht eine wichtige Funktion für die Schönberg-Forschung in Österreich. Konzerte mit Werken der Wiener Schule, unter anderem regelmäßig veranstaltete Schönberg-Serenaden, sowie eine Wiederaufnahme der Unterrichtstätigkeit im Geiste Schönbergs runden die Aktivitäten der Internationalen Schönberg Gesellschaft ab.
1974 - 1977
Die Reihe alljährlicher Interpretations-Kurse in Mödling erhält durch die Leitung des Schönberg-Schülers Rudolf Kolisch (bis zu dessen Tod 1978) eine besondere Authentizität; durch Mitwirkung des Editionsleiters der Arnold Schönberg Gesamtausgabe, Rudolf Stephan, auch ständigen Zustrom an jungen, internationalen Musikwissenschaftlern.
1979
Die Internationale Schönberg Gesellschaft nimmt den Mödling-Besuch des Schönberg-Schülers und -Schwiegersohns Felix Greissle zum Anlass, im Juli in der Bernhardgasse 6 eine Schönberg-Woche zu veranstalten.
1980
Richard Hoffmann, Schüler und Assistent Schönbergs in Amerika, setzt die Unterrichtstätigkeit im Schönberg-Haus fort – seit 1987 in Kooperation mit dem Oberlin College.
1982
Aus Anlass ihres 10jährigen Bestehens veranstaltet die ISG vom 8. bis 10. Oktober die »Mödlinger Schönberg-Tage«.
1983 - 84
In den Sommermonaten 1983 bis 1990 bewohnt Ernst Krenek, der Schönberg 1922 in Mödling kennenlernte und mit ihm bis zu seinem Tod in Verbindung stand, auf Einladung der Gemeinde Wien mit seiner Frau Gladys das obere Stockwerk der Bernhardgasse 6, wo er an seinem Spätwerk komponiert.
1997
Im März 1997 bringt die Internationale Schönberg Gesellschaft das Haus in die neugegründete Arnold Schönberg Center Privatstiftung als Stifterin ein. Die Schönberg-Wohnung soll »Denk«- wie »Gedenk«-Stätte sein, einige Garconnieren werden internationalen Wissenschaftlern und Studenten für Forschungsprojekte zur Verfügung stehen.
1999
Gesamtrestaurierung aus Mitteln der Schönberg-Stiftung, von Stadtgemeinde Mödling, Land Niederösterreich, Bundesministerium für Unterricht und Kunst, der Shopping City Süd sowie weiteren Sponsoren und Förderern.
2001
Sanierung Garten des Schönberg-Hauses und Eröffnung als Naturschaugarten.
2003
Taufe des Schönberg-Weins
2008
In Erinnerung an die Retterin des Mödlinger Schönberg-Hauses, Prof. Elisabeth Lafite (1918 – 2007), wird der »Lafite-Saal« eröffnet.



